Shtypi i huaj per I.Kadare

Der Nachfolger/PasardhesiIsmail Kadare : ,,Der Nachfolger”
Jeder Plot ist eine Komplot/ Von Peter Körte

Der albanische Schriftsteller Ismail Kadare

Als dann endlich auch dieses Regime zusammenbrach, als die Bilder von Flüchtlingen um die Welt gingen, die sich in italienischen Häfen auf schrottreifen Schiffen drängten, da war es, als habe sich auf einmal die Tür zu einer gespenstischen Parallelwelt geöffnet, die mitten in Europa lag. Natürlich waren Besucher in Albanien gewesen, wagemutige Polittouristen, Franz Josef Strauß oder deutsche Fußballspieler, aber sie hatten nur gesehen, was zu sehen erlaubt war. Vielleicht ein paar von den 600 000 Bunkern, mit denen der Diktator Enver Hodscha das Land hatte überziehen lassen, aber kaum jene Olivenhaine, deren Bäume so gepflanzt waren, daß sie, aus der Luft betrachtet, die Buchstabenfolge “Enver Parti” ergaben.

Kein Land, außer Nordkorea, war über Jahrzehnte stärker abgeschottet vom Rest der Welt. Albanien glich der monströsen Inszenierung eines Diktators, die eine Realität aus Internierungslagern und zerstörten Biographien hinterließ und nicht jenen sozialistischen neuen Menschen, den das Drehbuch des Regimes verordnet hatte. Was der Schriftsteller Christian Kracht kürzlich über Nordkorea geschrieben hat, galt auch für Albanien: Weiter könne man sich “auf diesem Planeten nicht von der Realität entfernen”.

Und wenn dieses Land auch wirkte wie eine blutige Retro-Science-fiction-Phantasie, so wußte man doch, daß dort trotzdem Bücher geschrieben wurden, und kannte einen einzigen Schriftsteller, Ismail Kadare, der im Ausland publizieren und reisen durfte, der die Gunst Enver Hodschas auch deshalb genoß, weil sie beide aus dem Städtchen Gjirokastra stammten. Die Vorsicht, die manche als Kollaboration gedeutet hatten, war wohl zugleich die Überlebenskunst des mittlerweile siebzigjährigen Autors, der das Privileg genoß, von der Zensur inkriminierte Passagen selber umschreiben zu dürfen, statt für sie im Gefängnis einsitzen zu müssen. Von dieser Welt sind heute nur noch Spuren da, Zombies wie die greise, unbelehrbare Hodscha-Witwe, die der westlichen Presse gelegentlich Interviews gibt.

Ein multipler Agenten aller erdenklichen Geheimdienste

Und es gibt Bücher, in denen diese Welt nachhallt wie ein böser Traum. Die von surrealen Momenten durchzogenen Romane eines Fatos Kongoli oder den “Mann, der Enver Hodscha war”, das Buch des Neuseeländers Lloyd Jones, der nach dem Zusammenbruch vom anderen Ende der Welt kam, um Hodschas Doppelgänger zu finden, der einen Reisebericht schrieb und für seine reale Reise doch einen fiktionalen Kompaß brauchte – Hodschas Doppelgänger, dessen Existenz in den Parametern des albanischen Systems jedoch völlig plausibel war.

Zu dieser Zeit war Ismail Kadare für eine Weile nach Paris emigriert, der Mann, dessen Bücher so eigentümlich zwischen balkanischer Vergangenheit und Gegenwart Albaniens changieren, zwischen Legenden und realen Begebenheiten. In seinem jüngsten Roman hat er diese Atmosphäre noch einmal aufleben lassen und dem “Nachfolger” einen historischen Fall zugrunde gelegt: den mysteriöse Selbstmord des designierten Hodscha-Nachfolgers Mehmet Shehu, der zwischen 1954 und 1981 als Ministerpräsident amtiert hatte.

Das Gerücht war rasch aufgekommen und nicht wieder verstummt, Shehu sei von seinem ehemaligen Schwager, dem Verteidigungsminister Kadri Hazbiu, aus dem Weg geräumt worden. Kurz nach seinem Tod wurde Shehu von Hodscha zum multiplen Agenten aller erdenklichen westlichen Geheimdienste erklärt. Vor fünf Jahren schließlich wurden seine sterblichen Überreste, die man umgebettet hatte, in der Nähe von Tirana entdeckt.

Seine Technik der Macht

Kadare versucht sich jedoch nicht an einer kriminalistischen Rekonstruktion, weil ihn das paranoide Klima mehr interessiert, in dem solche Dinge geschehen. Er hat den Namen des angeblichen Mörders leicht verwandelt, der Mann heißt jetzt Haseleu, er hat ihn zum Innenminister gemacht und das Todesdatum des Nachfolgers ein paar Tage vorverlegt. Hodscha ist nur “der Führer”, der Name Shehu fällt nie, aber die Konturen sind so ausgeprägt, einige Details so minutiös geschildert wie Tagesreste in einem Traum.

Die Struktur des Buches erinnert allerdings noch immer vage an eine Ermittlung, weil die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven geschildert werden. Da spricht der Architekt, der den Umbau des Nachfolger-Hauses vielleicht zu opulent gestaltet hat und der von dem unterirdischen Gang zwischen der Villa des Nachfolgers und der des Führers nichts wußte; man sitzt beim “Führer” im Arbeitszimmer, wird zum Zeugen von Hasobeus Ängsten und hört im letzten Kapitel den Nachfolger sprechen, von einem Unort, aus dem “schwarzen Abgrund des Alls, in dem wir verloren umhertreiben”.

Kadares Prosa schildert diese Welt sehr einfach, trügerisch klar und ohne metaphorische Verzierungen. Der Architekt bekennt sich als Täter, der Erzähler, der selbst wie ein Gespenst zwischen den verschiedenen Perspektiven wechselt, läßt Hasobeu in der fraglichen Nacht zur Pistole greifen – doch jede dieser eindeutigen Aussagen beginnt sofort unheimlich zu schillern. Das Mißtrauen gegenüber allen Versionen macht auch jeden Plot zum Komplott. Niemand weiß, was in der Nacht geschehen ist, auch “der Führer” nicht, und er braucht es auch gar nicht zu wissen, weil seine Technik der Macht gerade auf der Rätselhaftigkeit beruht – und darauf, dass alle anderen sein Informiertsein voraussetzen.

Wenn sich die Bilder in Bewegung setzen

Ismail Kadares Buch liest sich wie eine Legende, wie ein böses Märchen – auf den ersten Blick. Es ist dann jedoch, wenn es so etwas geben sollte, eine realistische Legende. Man kann Kadare nicht vorwerfen, er hielte sich eine finstere Wirklichkeit durch kunstvolle Vernebelung vom Leib; er gibt dem Geschehen eine verhängnishafte Gestalt, und das ist womöglich angemessener als jede nüchterne Rekonstruktion. “Wir hätten es eher für möglich gehalten, daß Himmel und Erde ihren Platz tauschten, als daß sich in Albanien etwas änderte”, sagt der untote Nachfolger.

Kadare hat für diesen Zustand ein Bild gefunden, das kaum zufällig aus einem Medium der Fiktionen stammt. Da spricht der Sekretär Hodschas von einem Aufsatz, der eine Analogie zwischen “der Denkstruktur von Tyrannen und der Architektur von Albträumen” festgestellt hat. Wie in einem rückwärts laufenden Film sieht man zunächst die Ruine, und wenn sich die Bilder in Bewegung setzen, ersteht das Haus wieder vor einem. Prinzip des rückwärtigen Zerfalls nennt sich das; es ist das Prinzip des Regimes.

“Der Nachfolger” ist ein Roman, der einen wahlweise frösteln oder fiebern läßt, weil er dem Leser die paranoide Atmosphäre weniger erklärt, als daß er sie ihn erfahren läßt, um ihn ohne Auflösung zu entlassen. Es ist nur ein kleines, nicht einmal zweihundert Seiten dickes und zugleich ein großes Buch.

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